Ukrainische Regierung sagt Krypto-Airdrop ab und kündigt dafür Armee-NFTs an


Kein Bezug zum Krieg, aber ein schönes Foto aus der Ukraine. Bild von Denis Bondariev via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Ukraine zeigt sich verblüffend kompetent und kreativ dabei, Spenden in Kryptowährungen einzuholen. Das hat dem Land bereits mehr als 50 Millionen Euro eingebracht. Wir geben einen Überblick und spekulieren, wofür die Coins nützlich sein werden.

Die Ukraine ist erstaunlich geschickt darin, durch Kryptowährungen Spenden zu sammeln. Das Land unterstreicht damit, dass es bis in die Spitzen der Regierung hinauf eine Krypto-Nation ist.

Wie bereits berichtet hat der offizielle Ukraine-Account Adressen für Bitcoin, Ether und USDT (sowie andere ERC20-Token) gepostet. Der Vize-Premier- und Digitalminister Mykhailo Fedorov hat diese Adressen selbst bestätigt.

Mittlerweile hat die Bitcoin-Adresse 11.800 Transaktionen oder 232 Bitcoin erhalten. Dazu kommen noch derzeit 205 Bitcoin an die ukrainische Hilfsorganisation Come Back Alive. Insgesamt flossen also 437 Bitcoin oder 17 Millionen Euro in die Ukraine.

Auf der Ethereum-Adresse liefen insgesamt 5860 Ether ein, gut 15 Millionen Euro, und eine schwer zu überschauende Anzahl an Token. Etherscan zeigt derzeit Guthaben in 210 Token und einem Wert von 3,15 Millionen Euro an, vor allem in USDT und DAI-Dollar.

Polkadot und Dogecoin

Aber die Ukraine kennt sich gut genug mit Kryptowährungen aus, um zu wissen, dass das noch nicht alles ist. Fedorov versteht offenbar eine Grundwahrheit der Krypto-Szene: Gib‘ einem Krypto-Wal öffentlichkeitswirksam den kleinen Finger, und er wird dir beide Hände entgegenwerfen.

Am Dienstag postete der Ukraine-Account eine Polkadot-Adresse, um zu signalisieren, dass man auch Spenden in der Kryptowährung DOT annimmt. Die Blockexplorer von Polkadot zeigen leider nur das aktuelle Guthaben an, aber nicht, wieviel ein Account bisher empfangen hat. Das derzeitige Guthaben der Adresse beträgt etwa 830.000 Euro, die in 2735 Transaktionen ankamen. Da schon allein der Polkadot-Gründer Gavin Wood 5 Millionen Dollar (4,5 Millionen Euro) spendete, dürften wohl mehr als 5 Millionen Euro eingelaufen sein.

Und weil es so gut läuft, hat Vizepremier Fedorov kurz darauf auch eine Spendenadresse für Dogecoin gepostet, wobei er sich die Anmerkung nicht verkneifen konnte, dass Dogecoin derzeit mehr wert sei als der Rubel. Mit gut einer halben Million Dogecoin brachte das der Ukraine bisher aber gerade mal 60.000 Euro ein.

Der Airdrop, der nun doch nicht stattfindet

Um die Spendenbereitschaft darüber hinaus zu steigern, greift Fedorov zu einer ungewöhnlichen, aber in der Kryptoszene populären Methode: Er kündigt einen Airdrop an, mit einem Snapshot am 3. März, also heute.

Um das zu verstehen, müssen wir ein Stückchen ausholen. In der Ethereum-Community etablierte sich im Laufe des vergangenen Jahres die Praxis, User einer Dapp rückwirkend mit einem Airdrop zu belohnen. Die bekanntesten waren von Uniswap und ENS. Dabei wird ein Datum gesetzt, zu dem ein Blockchain-Schnappschuss aufgenommen wird, und die Adressen, die bis dahin aktiv waren – die über Uniswap getauscht oder eine .eth-Domain gekauft haben – bekommen ein Token, etwa $UNI oder $ENS.

Auf dieselbe Weise sollte nun also die Ukraine Leute, die Kryptowährungen spenden, belohnen. Richtig gemacht könnte es mehr als nur ein Gimmick sein: Sollte die Ukraine das Land verteidigen, könnte ein Ukraine-Token beispielsweise Rabatte für Visa geben, Termine bei Politikern, kostenlose Übernachtungen und so weiter. Es könnte das erste wirklich nützliche Token werden.

Zunächst aber hatte der Airdrop einen absurden Nebeneffekt: Er veranlasste Tausende, wertlose Token oder Mikrobeträge an die Ethereum-Adresse der Ukraine zu senden. Diese bezahlten nun mehr an die Miner, als sie an die Ukraine spendeten. Wenn man nun fragt, wo die Miner sitzen, wird es grotesk: Nach dem Mining-Exit aus China wurde ausgerechnet Russland zur Heimat zahlreicher Miner. Es wäre denkbar, dass Russland stärker von dem Airdrop profitiert als die Ukraine.

Dort rudert man derweil ohnehin zurück. Digitalminister Fedorov tweetet, dass man den Airdrop „nach sorgfältiger Beratung“ nun fallen lasse. Stattdessen werden man bald ein NFT herausgeben, um die ukrainischen Streitkräfte zu unterstützen. Solche Nicht-fungiblen Token könnten an sich dieselben oder ähnlichen Funktionen ausführen wie fungible Token. Sie haben aber den Vorteil, dass die Token individuell sind, wodurch eine Art Kunst- und Auktionsmarkt für Memes entsteht. Man könnte quasi die Patenschaft für ukrainische Soldaten und deren Heldentaten kaufen.

Holger Rehm vom Blockchaincenter kommentiert die Absage des Airdrops mit den Worten: „Best. Rugpull. Ever.“

Ein „Rugpull“ beschreibt ein Betrugsmanöver in der Kryptoszene: Entwickler kündigen ein Projekt an, sammeln Coins dafür ein – und verlassen es dann. Sie ziehen den Investoren den Teppich unter den Beinen weg. Dass sich nun ein Nationalstaat im Kriegszustand Anleihen bei den Strategien von Krypto-Scammern nimmt, absichtlich oder unabsichtlich, gehört zu den Merkwürdigkeiten dieses Konfliktes.

Insgesamt mehr als 50 Millionen Euro – aber wofür?

Unabhängig von der Regierung sammelt wie beschrieben auch die UkraineDAO Spenden. Sie belohnt Spender bereits mit Token, wobei aber freilich noch nicht klar ist, wofür das Token gut sein wird. Dennoch schaffte es die UkraineDAO, Ether im Wert von gut 6,3 Millionen Euro einzusammeln.

Mit Sicherheit ist das Spendenaufkommen damit noch längst nicht erschöpfend aufgelistet. So hat etwa Binance mehr als 5 Millionen Euro eingesammelt, Justin Sun hat 200.000 Dollar in Tron gespendet, und so weiter. Es ist schwer, das alles zu überblicken. Aber wenn man hier einen Zwischenstand aufnimmt, kommt man auf mehr als 50 Millionen Euro.

Aber was bringen die Kryptowährungen dem Land? Derzeit vermutlich nicht so viel. Kein Geld der Welt kann den Vormarsch Russlands aufhalten, und selbst frisch gekauftes Militärgerät wird vermutlich zu lange dauern, um anzukommen. Eventuell wird es möglich sein, Bitcoins zu nutzen, um russische Soldaten zu ermutigen, die Waffen niederzulegen. Dies versuchen bereits die Hacker von Anonymous, und auch die Ukraine bietet russischen Deserteuren Geld an. Inwieweit das die Soldaten aber vergessen lässt, dass auf Desertation die Todesstrafe steht, ist eine andere Frage.

Mittel- oder langfristig kann diese Finanzhilfe an die Ukraine eine große Rolle spielen. Sie kann dem Land helfen, sich mit Lebensmitteln und militärischer Ausrüstung zu versorgen, um in einem anhaltenden Konflikt länger durchzustehen. Sollte das Land erobert werden, kann es die Krypto-Bestände nutzen, um einen Widerstand auf eine Weise zu finanzieren, die auch durch eine russische Kontrolle des ukrainischen Bankenwesens nicht aufzuhalten ist. Ein solchermaßen finanzierter Widerstand könnte auch die russischen Besatzer durch Bestechung auf seine Seite ziehen.

Sollte die Ukraine dem Angriff widerstehen, oder sollte Russland das Land nach einem Friedensschluss wieder verlassen, könnten die Krypto-Spenden beim Wiederaufbau helfen.

Schattenseiten

Man sollte aber bei aller angebrachten Solidarität mit der Ukraine eines nicht vergessen: Es handelt sich um eines der korruptesten und kriminellsten Länder Europas. Und diese Kriminalität macht auch vor Kryptowährungen nicht halt.

Wenn die Regierung derzeit demonstriert, wie kompetent und innovativ sie dabei ist, Kryptospenden einzuholen, könnte dies auch ein Hinweis darauf sein, dass die zwielichte, oft ans Betrügerische grenzende ICO- und Token-Ökonomie hier sehr weit Fuß gefasst hat, vielleicht sogar bis in die Spitzen des Digitalministeriums.

Ich erinnere mich, anekdotisch, daran, dass von einigen Jahren ukrainische PR-Agenturen mit der Spezialisierung auf ICOs gut im Publikum von Bitcoin-Konferenzen vertreten waren. Das ist freilich noch kein Betrug, aber in vielen Fällen wissentliche oder unwissentliche Beihilfe dazu.

Ferner wäre auch denkbar, dass sich derjenige, der den offiziellen Ukraine-Account kontrolliert – vermutlich Digitalminister Fedorov oder einer seiner Verbündeten – die Coins dafür aufhebt, um im Falle einer Flucht gut gepolstert im Ausland anzukommen. Oder schlicht um sich zu bereichern, wenn die Aufmerksamkeit der Welt zur nächsten Krise migriert.

Schließlich hinaus sollte man auch nicht vergessen, dass Putins ständige Hinweise auf „ukrainischen Nazis“ nicht ganz auf heißer Luft gebaut ist. Gerade unter den Kampftruppen im Osten der Ukraine, wohin Come Back Alive militärische Geräte spendet, sind Kampfverbände mit Neonazi-Wurzeln wie das Asow-Regiment durchaus verbreitet. Berichten zufolge ziehen ultranationalistische Kampfverbände in der Ukraine auch militante Neonazis aus der ganzen Welt an, auch von Deutschland. Will man diese Leute wirklich unterstützen, nur weil es gegen Russland geht?

Diese Anmerkungen – oder besser gesagt: Vermutungen — sollen jedoch nicht über das Wesentliche hinwegtäuschen: Die Ukraine ist verblüffend kreativ und innovativ, um durch Kryptowährungen Spenden einzusammeln. Sie ist in dieser Beziehung dem Rest der Welt um Jahre voraus. Sollte sie die Invasion überstehen, könnte sie eines der fortschrittlichsten Länder der Welt werden.


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