Wie Russlands Krieg den „Great Reset“ des Geldes beschleunigt – BitcoinBlog.de –…


Eine Schachpartie, kurz vor dem Endspiel. Bild von Bob Whitehead via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

In Russland schmelzen derzeit alle Werte dahin – außer Bitcoin. Dies kann eine friedliche Währungsreform einleiten: die Hyperbitcoinifizierung. Sie könnte die russische Wirtschaft vor dem völligen Kollaps retten.

Die Idee der Hyperbitcoinifizierung wurde 2014 von Daniel Krawisz vom Nakamoto Institute ins Spiel gebracht. Sie ist seitdem ein stehender Begriff unter Bitcoinern.

Hyperbitcoinifizierung meint quasi das Endspiel: die letzten Meter zur vollkommenen Dominanz von Bitcoin. Daniel Krawisz beschrieb sie als das, was „einer glücklosen Währung passiert, wenn sie in Bitcoins Weg zur Weltherrschaft steht.“ Die Währung verliert rapide an Wert, während Bitcoin sie ersetzt.

Der Great Monetary Reset

Die Hyperbitcoinifizierung ähnelt der Hyperinflation. Beides führt zur Auflösung einer Währung. Allerdings hat sie andere Gründe – die Währung löst sich nicht auf, sie wird ersetzt –, verursacht weniger Schäden für die Wirtschaft und läuft viel schneller ab.

Man könnte auch sagen: Die Hyperbitcoinifizierung ist eine friedliche, nicht-staatliche Währungsreform. Sie kann eine Ökonomie retten, wenn die Geldpolitik droht, sie in einer Hyperinflation zu verdampfen. Oder, um es anders auszudrücken: Die Hyperbitcoinifizierung ist „the great Reset“ des Geldes.

Bisher hauste die Hyperbitcoinifizierung eher in der Phantasie von Bitcoinern. Irgendwann werde der Moment kommen, so die Idee, zu dem sich Bitcoin als globales Zahlungsmittel durchsetzt, oder zu dem die etablierten Fiatwährungen kollabieren. Dann werde es soweit sein.

Dieser Moment war bislang hypothetisch und fand in einer hypothetischen Zukunft statt. Mit dem Krieg Russlands und den Sanktionen des Westens wird er plötzlich auf eine fast schon beängstigende Weise realistisch.

Erstens + Zweitens = Drittens?

Man muss sich zwei Faktoren vor Augen führen, um zu verstehen, wie groß die Rolle von Bitcoin in der aktuellen Krise von Russland sein kann.

Erstens: Die Einwohner Russlands besitzen Schätzungen zufolge Kryptowährungen im Wert von 200 Milliarden Dollar. Die Schätzung beruht auf Angaben des Kremls. Bloomberg nennt auch andere Schätzungen von etwas unter 100 Milliarden Dollar, räumt aber auch ein, dass die Kreml-Schätzung noch zu tief gestapelt sein könnte. Wir können diese Zahlen nicht überprüfen, gehen aber der Einfachheit halber von 200 Milliarden Dollar aus

Zweitens: Der Krieg und die Sanktionen zerrütten so gut wie alle Werte in Russland – mit Ausnahme von Bitcoin und, eingeschränkt, Gold.

Erstens und Zweitens ergibt Drittens – eine massive Umverteilung von Werten. Diese findet ohnehin auf der ganzen Welt statt, während Bitcoin zum Teil des Finanzwesens wird. Schon jetzt könnten Kryptowährungen die größte friedliche Umverteilung der Geschichte sein. In Russland beschleunigt sich dieser Prozess derzeit jedoch exponentiell.

6,67 Prozent des gesamten russischen Vermögens

Laut einer Schätzung der Credite Suisse besaß Russland im Jahr 2020 gut 3 Billionen Dollar an Gesamtvermögen. Dies umfasst unter anderem Immobilien, Börsenanteile und Bankguthaben.

Auch hier ist eine große Skepsis angebracht. Wir können nicht prüfen, wie korrekt die Zahlen sind, und ob sie auch Posten wie Schwarzgeld, unerschlossene Bodenschätze und so weiter erfassen. Doch auch hier nehmen wir der Einfachheit wegen an, dass sie grob richtig sind.

Damit entsprechen die 200 Milliarden Dollar, die Russen in Bitcoin und anderen Kryptowährungen halten, 6,7 Prozent des Gesamtvermögens Russlands. Das war schon vor dem Krieg eine extreme Hausnummer, die man so in kaum einem anderen Land findet. Vielleicht in der Ukraine, vielleicht in Venezuela oder Argentinien.

Aber nun gibt es Krieg und Sanktionen. Alle Werte verlieren, nur Bitcoin bleibt stabil. Damit steigt der Anteil, den Bitcoin am russischen Vermögen hat, unvermeidbar. Aber wie hoch?

Ein Kollaps der Werte um bis zu 70 Prozent

Schauen wir uns die wesentlichen Posten der Bilanz an. Der Rubel – entwertet rasend schnell. Die Geldmenge M2 beträgt laut einer Statistik 65 Billionen Rubel. Das entsprach Anfang Februar 780 Milliarden Euro bzw. 860 Milliarden Dollar. Heute bleiben davon 465 Milliarden Euro oder 513 Milliarden Dollar.

Die russische Zentralbank hält Devisenreserven über 630 Milliarden Dollar in Dollar, Euro und Yen. Diese sind nun eingefroren und vorübergehend wertlos.

Der wichtigste russische Aktienindex, der RTS, brachte es im Lauf der vergangenen 12 Monate auf ein Hoch einer Marktkapitalisierung von 862 Milliarden Euro (951 Mrd Dollar). Heute ist sie auf 277 Milliarden Euro (305 Mrd. Dollar) gefallen.

Mit diesen drei Posten hatte Russland ein Vermögen von 2441 Milliarden Dollar. Von diesen bleiben derzeit noch 818 Milliarden. Das ergibt einen Verlust von beinah 70 Prozent.

In unserer Rechnung sind keine Vermögenswerte wie Immobilien, Gold oder unerschlossene Bodenschätze enthalten. Daher ist anzunehmen, dass die 3 Billionen Dollar Gesamtvermögen eher zu tief gestapelt waren. Ebenfalls anzunehmen ist aber, dass Immobilien in ähnlicher Weise kollabieren wie der Aktienmarkt, und dass Gold auch zu einem gewissen Anteil eingefroren wird.

Nicht Teil unserer Rechnung sind ferner die Kapitalflucht vermögender Russen sowie die Konfiszierung von Konten und Assets im Ausland. Allein die Schweiz schätzt, im Zuge der Sanktionen 10-150 Milliarden Franken einzufrieren. Ferner könnte man die Zerstörung von militärischem Gerät in die Verlustrechnung einfügen.

Kurzum – ein Kollaps der russischen Vermögenswerte um 70 Prozent ist derzeit nicht unrealistisch. Es handelt sich dabei um eine Größenordnung. Es können auch nur 50-60 Prozent sein, vielleicht sogar weniger, könnte aber, je nachdem, wie es weitergeht, auch 80 oder mehr Prozent erreichen.

Bitcoin dominiert die Werte

Wenn wir von einem Wertekollaps um 70 Prozent ausgehen, erreicht der Anteil von Kryptowährungen am Gesamtvermögen schon jetzt gut 20 Prozent.

Natürlich handelt es sich hier um rein gedankliche Konstrukte. Die Zahlen an sich sind viel zu unscharf. Es könnten auch 10 oder 30 Prozent sein. Das ist erneut zu betonen. Die Zahlen zeigen vor allem, was im Rahmen des Möglichen und Realistischen denkbar ist.

Realistisch und denkbar ist auch, dass sich der Bitcoin-Preis im Lauf der kommenden Monate verdoppelt. In dem Fall würden Kryptowährungen 40, oder, je nach Verlauf der Krise, 60 Prozent der russischen Vermögen ausmachen.

Es gibt also eine mögliche Zukunft, in der Kryptowährunugen in nicht allzu weiter Ferne die Mehrheit der russischen Vermögen stellen. Man muss sich dies auf der Zunge zergehen lassen.

Bitcoiner kaufen sich das Land

Bei aller Unsicherheit der Daten gibt es einen Fakt, der kaum zu bestreiten sein dürfte: In Russland findet derzeit eine gewaltige Umverteilung des anteilsmäßigen Vermögens statt.

Wer Rubel, Aktien und Immobilien besitzt, verliert massiv. Wer Bitcoins hat, hält seinen Stand oder baut ihn aus. Auf Gold träfe an sich dasselbe zu, doch droht Besitzern von Gold die Konfiskation. Dieser Prozess der Umverteilung dürfte desto extremer werden, je länger der Krieg andauert.

Es ist schwer, Aussagen über russische Bitcoiner zu treffen. Wie stets verbindet Bitcoin die verschiedensten Menschen. Vom Oligarchen zum Millenial, vom Drogendealer zum Startup-Gründer, vom Hacker zum Aktivisten. Klar ist aber eines: Bitcoin ist das perfekte – vielleicht das einzige brauchbare – Mittel, um derzeit Vermögen ins Ausland zu bringen.

Man darf daher eines annehmen: Die vielen Russen, die in den letzten zwei Wochen ihr Land verlassen haben, haben eine nicht unerhebliche Menge Bitcoins mit sich geführt. Sie können nun aus dem Ausland heraus warten, wie es weitergeht, und ihr Vermögen klug einsetzen.

Diese Bitcoiner, ob im In- oder Ausland, werden im Zuge der Krise zu den neuen Oligarchen. Sie können sich quasi das Land kaufen. Grundstücke, Immobilien, Fabriken, Konzerne, Gasfelder – ja, auch den Staat.

Das Endspiel

Das ist der Teil des Endspiels der Hyperbitcoinifizierung, den Daniel Krawisz nicht erzählt.

Es wird nicht so ablaufen, dass einfach jeder Bitcoin verwendet, weil er es richtig findet, und dadurch die alte Währung verdrängt wird. Das wäre die Regenbogenvariante. Die Wirklichkeit ist schmutziger: Bitcoiner werden stinkreich, während alle anderen verarmen, wodurch sich Bitcoiner so viel kaufen können, dass sie in die Position kommen, die anderen zu zwingen, auch Bitcoin zu verwenden. Vielleicht wird der Staat nicht mehr in der Lage sein, Soldaten zu bezahlen, woraufhin Bitcoiner die einzigen sein werden, die sich die Söldner leisten können.

Wenn sich die Verhältnisse in Russland auch nur annährend so darstellen, wie die Schätzungen es vermuten lassen, ist das Szenario nicht unrealistisch: Russische Bitcoiner könnten die Chance bekommen, das Endspiel der Hyperbitcoinifizierung einzuleiten. Sie könnten sich die Mittel und den Einfluss aneignen, um die Währungsreform anzustoßen. Man darf sich das vermutlich so ähnlich vorstellen wie die Chaos-Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Vielleicht sogar noch anarchischer, kapitalistischer, oligarchischer. Vielleicht aber auch friedlicher und konstruktiver.

Vermutlich wird die Regierung sich wehren. Sie wird versuchen, den Vorgang aufzuhalten. Sie wird versuchen, Bitcoin zu verbieten oder zu konfiszieren. Es wird einen Kampf geben, bei dem die Fronten aber nicht eindeutig sind.

Teile der Regierung werden auch Bitcoins halten – und damit reicher und einflussreicher werden. Teile der Wirtschaft werden Bitcoin benutzen, um mit dem Ausland Geschäfte zu machen. Viele in Russland werden es skeptisch sehen, dass der chinesische Yuan unter dem Dollar-Boykott zur faktischen Leitdevise wird. Viele werden deswegen Bitcoin bevorzugen, um nicht von der amerikanischen in die chinesische Abhängigkeit zu wechseln.

Die Frage wird also sein: Setzen sich ökonomische Notwendigkeiten durch – oder die Tyrannei des Staates? Je weiter die Hyperbitcoinifizierung fortschreitet, je mehr Kryptowährungen ins ökonomische Gewebe des Landes einsickern, desto schwieriger wird es werden, sich der Diktatur der Ökonomie zu widersetzen.

Das einzige, was diesen Prozess noch aufhalten kann, ist vermutlich Frieden und ein Zurück zur Normalität. Falls die Regierung nicht zur Vernunft kommt, könnte Bitcoin sie dazu zwingen – oder ihre ökonomische Grundlage untergraben.

Zumindest gibt es Anlass, darauf vorsichtig zu hoffen.


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Herrlich sowas dieser Text schrieb

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